Judenhass. Ein Virus, das die Welt umspannt Wien Do, 08.10.2026
Martin Haidinger (geb. 1969) ist vor allem als Historiker (Mag. phil. Univ. Wien) und Journalist kulturell vielfältig tätig, vor allem als Wissenschaftsredakteur beim ORF. Der Autor hat bereits eine erhebliche Anzahl aufschlußreicher Sachbücher verfaßt. Der vorliegende "Judenhass" geht nun über ein Sachbuch weit hinaus. Wie es Prof. Rabbiner Walter Homolka zurecht feststellt: "Manche Bücher verlangen (...) unsere volle Aufmeksamkeit". Und diese Aufmerksamkeit wird beim "Judenhass" gefördert durch eine sachliche Sprache, die nicht durch Emotionalität die teils schrecklichen Geschehnisse quasi zudeckt - und auch durch Verzicht auf Kunststücke des Genderns auf Kosten der Lesbarkeit. Ebenso wird der Text nicht von Anführungszeichen überschüttet. Martin Haidinger erhielt u.a. den Österreichischen Staatspreis für Wissenschaftspublizistik (bereits 2010) und den Berufstitel Professor (2023).

Der Buchtitel ist sehr deutlich, geradezu aggressiv - das ist berechtigt, denn es geht um alle Formen dieses Verhaltens: Beginnend mit "dummem Gefühl", Vorbehalten, Vorurteilen, Zurücksetzungen, dann Diskriminierungen, Reichtum etc. Der inzwischen übliche summarische Begriff "Antisemitismus" wurde erst von dem Atheisten Wilhelm Marr geprägt, dem Begründer der Antisemitenliga (1879) und vielseitigen positiven linken Trendsetter zu Ende des 19. Jahrhunderts. Als lokalen Hintergrund für den sich entwickelnden und gestaltenden Antisemitismus wählt der Autor die Hauptstadt besonders des Kaiserreichs und des folgenden Jahrhunderts bis zur Gegenwart, mit Auswirkungen für die Republik vor allem in kultureller, wirtschaftlicher und sozialer Beziehung: Eine knappe, aber gelungene Fallstudie. Hingewiesen wird auf die jüdische Dominanz in wichtigen hochstehenden Berufssparten, aber auch von Assimilation. Diese "Judenfrage" einschl. aufkommendem Zionismus wird besonders als nationales Problem gesehen. Zurecht wird 1897 als ein Schlüsseljahr gezeichnet, in dem u.a. Theodor Herzl seinen "Der judenstaat" vorlegt, ein Buch, das sich als grundlegend erweist, so auch durch sein Postulat, mit milden Methoden die arabische Bevölkerung Palästinas aus dem / (inzwischen) ihrem Lande zu drängen. Im gleichen Jahr 1897 findet der grundlegende Zionistenkongress in Basel statt. Bruno Kreisky (der patriotische Agnostiker jüdischer Herkunft) wird als prominenter Politiker nach dem Zweiten Weltkrieg ausführlich vorgestellt.

Der zweite Teil des eindrucksvollen Buches skizziert die Frage nach den Juden vor allem in der westlichen Welt mit besonderem Schwerpunkt Naher Osten und Palästina. Auch hier eine Fülle von Namen wichtiger Persönlichkeiten. Nach Hermann Bahr "Man ist Antisemit, um Antisemit zu sein" war beispielsweise auch Karl Marx allzeit Antisemit. Vieldiskutiert nach natürlich auch die Rassereinheit (erstmals gefordert in Spanien Ende des 15. Jahrhunderts!), die historisch nach dem im Alten Testament berichteten Untergang von 10 der 12 Stämme Israels, sowie speziell der Konversion diverser arabischer Stämme zum Judentum im sechsten Jahrhundert n. Chr. sowie besonders der Konversion der Chasaren um 800 nicht möglich war; ein jüdischer Typ von Mensch ist kaum zu erkennen, vielleicht ein allgemein orientalisierender Typ. "Juden bleiben immer Juden" meint Carl Schmitt, der damit die Wirkung von Konversionen endgültig aufhebt - dem entspricht die schauerliche Wirkungsgeschichte des Films "Ewiger Jude" oder der "Protokolle der Weisen von Zion". Lion Feuchtwanger bezieht sich nochmals auf die Bibel zum Volk Israel, eine alte Tradition, die sich beispielsweise auch bei antiken griechischen Grabinschriften dokumentiert, bei denen "laos", das Volk, die Volksgemeinde, den Verstorbenen bzw. die Verstorbene ehrt.

Abschließend gebe ich Antonio Gramsci Recht: "Wir brauchen den Pessimismus des Verstandes und den Optimismus des Willens". Dem Buch ist eine baldige weitere Auflage zu wünschen, die dann vielleicht auch ein Personenregister erhält.